Sind Künstler*innen einsame Menschen?

(ENGLISH TEXT BELOW: ARE ARTISTS LONELY PEOPLE?)

Sind Künstler*innen sonderbar einsame Menschen? Der kreative Schaffensprozess geschieht oft im sprichwörtlichen stillen Kämmerlein. Im eigenen Atelier – Tür zu, Musik an, Telefon aus. Oder mit der Staffelei und einem dickem Köfferchen voller Pinsel in der Natur – am liebsten im Wald, auf einem Berg oder am Meer. Vo reiner Woche erläuterte André Smits in seinem Gastartikel hier bei mir, dass ein wesentliches Motiv seines Projektes Artist In The World darin besteht, herauszufinden, „was einen Künstler so weit treibt, sich abzusondern, um sein Leben der Kunst zu widmen“. Als ich seinen Artikel editierte, war er natürlich schon längst bei mir gewesen und hatte sein Foto von mir in meinem Atelier – alleine und von hinten – gemacht. Auch hatten wir längst ausführlich über meine Kunst gesprochen. Aber ich konnte mich nicht erinnern, dass wir uns über genau diese Frage unterhalten hatten. Vielleicht auch deshalb nicht, weil André sie vielleicht gestellt hat, ich sie aber nicht gehört habe. Das kommt vor 😉 Ich finde das Thema aber sehr spannend und möchte nun im Nachhinein darüber nachdenken, die Frage also ganz persönlich beantworten.

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Foto in meinem Hausatelier von André Smits

Kreativität als Gefühl

Kreativität ist für mich ein Gefühl. Plötzlich ist da eine Idee, ein Gedanke, aber eben nicht nur. Der Gedanke ist unmittelbar mit einem Gefühl verknüpft, einen großartigen, positiven, erfüllenden Gefühl und mit einem inneren Drang, etwas zu tun, zu erschaffen, zu leisten. Manchmal weiß ich von Anfang an, was genau am Ende dabei herauskommen soll. Dann könnte ich direkt anderen davon erzählen. Manchmal aber braucht es Zeit, um den Gedanken auch in Worten formulieren zu können und ich muss mich erst eine Weile in dieses Gefühl hineinfallen lassen. Oft ist es auch gar nicht nötig, Worte dafür zu finden, sondern es reicht einfach, sich in den Schaffensprozess zu begeben. In jedem Fall ist diese Art von „Kreativitätsgefühl“ eines, das ich nur erleben kann, wenn ich mit mir alleine bin. Während des Schaffensprozesses erlebe ich das Gefühl immer und immer wieder neu. Es entsteht der so genannte „Flow“ oder „Fluss“.

Absonderung

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich in der künstlerischen Teamarbeit wiederfinden können. Auch lasse ich mich nicht zum Malen vor Publikum engagieren. Ich poste noch nicht einmal – wie es viele andere Künstler*innen tun – ständig Work-in-Progress-Fotos von meinen Bildern. Ich möchte und muss einfach mit meinen Kreativitätsgefühl alleine sein. Ich bin auch glücklich in meinem hauseigenen Atelier, brauche keine Ateliergemeinschaft, wo ständig jemand an die Tür klopfen könnte. So gesehen sondere ich mich ab.

Die besondere Macht der Porträts

Als Porträtkünstlerin fühle ich mich schon per definitionem nicht alleine, denn ich beschäftige mich ja immer mit Menschen in meiner Kunst. Auch wenn sie natürlich nicht persönlich anwesend sind (da ich nach Referenzfotos male), so sind sie für mich dennoch da. Ich male kein „totes“ Bild, ich male eine real existierende Person und ich beschäftige mich mit jedem einzelnen meiner Motive sehr intensiv. Ich erlebe durch meine Kunst eine besondere Begegnung mit dem Modell. Wenn ich das Modell persönlich kenne, dann entsteht durch die Kunst eine weitere Ebene in der Beziehung. Es ist auch möglich – aber sicherlich keine Bedingung -, dass sich diese besondere Beziehung im realen Leben fortsetzt. Wenn ich das Modell nicht persönlich kenne, so begegne ich dem und den Menschen auf einer allgemeineren Ebene, indem jedes einzelne Modell vielleicht für eine bestimmte soziale Gruppe oder einen bestimmten Typ Mensch steht. Wobei ich Wert darauf lege, nicht zu sehr zu generalisieren, sondern immer wieder auch das Besondere des Individuellen zu sehen. In beiden Fällen dient also die Kunst für mich als Brücke zu den Menschen. Oft habe ich durch die Suche nach Modellen Menschen sogar erst neu oder sehr viel intensiver kennen gelernt oder in einigen Fällen sogar nach vielen Jahren wiedergefunden.

Ein Leben für die Kunst

Wie der Begriff es schon sagt: Es geht hier um LEBEN. Kunst ist nicht destruktiv. Wenn ich mein Leben der Kunst widme, dann weil ich durch die Kunst LEBE, mich durch sie lebendig fühle. Für jede*n bedeutet LEBEN etwas anderes bzw. sind für jede*n andere Kriterien ausschlaggeben, wie und wann man sich lebendig fühlt. Für mich ist die oben beschriebene Brücke ein wesentliches Kriterium. Ich habe in meinem Leben schon Zeiten großer Einsamkeit erlebt. Manchmal befand ich mich dann in einer Situation, in der es wirklich kaum vertraute Menschen in meiner Umgebung gab. Manchmal war die Einsamkeit aber auch ein Teil meiner Seele und ich fand über lange Zeit einfach den Zugang nach außen nicht. Heute gibt es diese Extreme glücklichweise nicht mehr in meinem Leben. Dennoch gibt es immer wieder Zeiten oder Momente, in denen „es“ nicht so rund läuft. Außerdem weiß ich heute, dass ich auch jemand bin, die trotz Sehnsucht nach sozialer Nähe viel mit sich allein sein muss, da ich als hochsensibler Mensch (> Wikipedia) schnell erschöpft bin und viel Ruhe zur Regeneration brauche. Besonders in diesen Momenten ist Kunst für mich auch eine Möglichkeit, um in Kontakt zu bleiben.

Kunst als Bindeglied

Neben den schon aufgelisteten Aspekten eröffnet Kunst viele weitere Möglichkeiten, in Kontakt zu Menschen zu kommen. Kunst berührt die meisten Menschen auf die ein oder andere Art und es ist oft möglich, durch Gespräche über Kunst einen Zugang zu jemand anders zu finden. Sicherlich gibt es auch Künstler*innen, die rein in der Abgeschiedenheit wirken – so wie es auch Büroangestellte gibt, die nach Feierabend nur in den eigenen vier Wänden ihr Glück finden. Aber ich glaube eigentlich, dass sehr viele Künstler*innen ihre Kunst zeigen möchten, Gespräche darüber führen möchten, im besten Fall erfolgreich sein möchten und daher auch immer auf die ein oder andere Art auf der Suche nach Kontakt und Austauschmöglichkeiten sind. Es gibt viele hochsensible Künstler*innen, bei denen man das auf den ersten Blick nicht wahrnehmen kann. Es lohnt sich hier aber ein zweiter Blick! 😉

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RULE(1)

ARE ARTISTS LONELY PEOPLE?

Are artists oddly lonely people? The process of creation often happens in private spaces. In home studios – door closed, music playing, telephone turned off. Or with an easle and a bundle of equipment in the midst of nature – preferably in the woods, on a mountain top, or at the seashore. A week ago, André Smits published a guest article here in this blog about his project Artist In The World. André says that one of his major interests is, „finding out why artists feel driven to seclude themselves in order to dedicate their lives to art.“ When I was editing his article, André had long been in my studio and we had long been talking in detail about my art. I could not remember discussing this question, though. Maybe he asked me and I didn’t listen – which happens sometimes 😉 But I do find this question interesting and would like to give my very personal answer today.

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photo in my home studio by André Smits

Creativity is a feeling

To me, creativity is a sensation. Suddenly, there’s an idea, a thought, but actually something else too. The thought is linked to a great, positive, fulfilling sentiment, and an internal urge to do, create, achieve something. Sometimes, I know from the beginning what I expect as a result. Then I could immediately talk about it. But sometimes, it takes time to find words for it and I need to spend some time with just feeling what is happening. And often, words are not even necessary, and I can just start creating. In any case, I can only experience this „creativity feeling“ when I am alone. During the process of making art, I experience this feeling again and again. You might also call it „flow“.

Seclusion

I don’t belong to the kind of people who feel attracted by artistic teamwork. Neither do I accept arrangements that involve painting in front of an audience. I don’t even post w.i.p. pictures of my work, which a great deal of other artists do. I just want to be alone with my creativity feeling. So I love my home studio, I don’t need an artists‘ studio community. I don’t like people knocking at my door all the time. From that point of view, you could say I seclude myself.

The special power of portraits

As a portrait artist, I never feel lonely by definition, as I always have someone on my canvas. Of course, they are not personally present then (as I use reference photos), but I still feel they are there. I don’t make „dead“ paintings. I paint real persons and I dedicate a lot of time and effort to each single one. In my art, I experience a very special encounter with the model. If I know the person personally, then in my experience our relationship is taken to a new level. It is possible – but not mandatory, of course – that this special relationship is continued in real life. If I do not know the person, then the encounter takes place on a more general level, maybe with regard to a certain social group or a certain type of person. But I never forget the special value of the individual and try not too generalize too much. So in both cases, art serves as a bridge to the people. In several cases, I met new people while looking for models, or I experienced a deeper relationship than before with old friends. In some case, I even met people again after not having been in touch for many years.

A life dedicated to art

As the term already suggests: it’s about LIFE. Art is not destructive. If I dedicate my life to art then because I LIVE through art, I feel alive through art. LIFE means something different for everyone, which means that it takes different criteria for how and when someone feels alive. For me the above mentioned bridge is an essential criterion. I know what it feels like to go through times of great loneliness. Sometimes, I experienced times in which I was literally very isolated from people I could trust. At other times, the solitude was part of my soul and I just wasn’t able to access the world around me. Fortunately, today these extreme states do not exist in my life anymore. However, I still go through difficult moments from time to time. And I have found out about myself that inspite of wanting to feel close to people, I must spend lots of time with myself: as an HSP (= highly sensitive person > Wikipedia) I feel very easily exhausted and need regular time for recovery. In these times, art means a possibility to stay in touch somehow anyway.

Art builds connections

Apart from the already discussed aspects, art opens up many more possibilities to communicate with new and old friends. Art ususally touches people in different ways and it might be a chance to approach someone by talking about art. Of course, there might also be artists who strive for complete seclusion from society – just like there are office managers with the same goal after a day of hard working. I actually believe, however, that most artists want to show and discuss their art and, at best, be successful. And I believe that these artists are always on the lookout for contacts and exchange. There is a high number of HSP artists that might not radiate with friendliness and open manner at first glance. Well, it’s worth to take a second glance! 😉

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5 Kommentare

  1. …sehr gut und treffend auf den Punkt gebracht und spricht mir direkt aus der Seele.
    Die Begabung einer Kreativität hat meiner persönlichen Meinung nach, seine Wurzeln in einer Art „Sehnsucht“ nach Ausdruck über den humaniden Wortschatz der Alltagskommunikation hinaus.

    …über die Sinne kommunizieren,
    direkt in die Seele treffen…

    Die Schaffung selbst in einer Phase der Klausur, das Werk als Dialog mit / für Empfängliche.

    Gefällt 2 Personen

  2. Gerade Hochsensible und/oder Hochbegabte verstehen die Menschen nicht. Dass sie oft „mehr“ arbeiten, wenn sie aussehen als täten sie gar nichts. Wenn jemand „handwerklich“ etwas schafft, ja, das ist Arbeit- aber im stillen Kämmerlein der Kreativität etwas zu erschaffen, das ist dann in der Wahrnehmung der meisten „beliebig“. Wie oft hört man „du tust ja nix, du sitzt nur rum“; mal wieder jemand, der schlicht nicht ermessen kann, dass dem Geist, der Kreativität ihren Lauf zu lassen sich nicht direkt, unmittelbar und zwingend in „meßbarem“ niederschlägt. Auch sehr beliebt „das kann ja mein Kind malen“ oder (höre ich als Fotografierender) immer wieder „ah, ich fotografiere auch, ich habe auch eine (Digital-)Kamera…“. Den kreativen Schöpfungsakt zu begreifen, das gelingt nur den wenigsten- und die wenigsten sind bereit dazu, „nicht sichtbares“ Tun genauso als Arbeit zu begreifen, wie den Maurer, der die Kelle schwingt oder oder oder…
    Und wenn dann noch Hochsensibilität und/oder Hochbegabung dazu kommen, dann wird’s ganz eng: „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht“ lässt sich passend analog sagen; was der „Normalo“ (nicht abwertend gemeint, lediglich als technical term) nicht versteht, das gibt es auch nicht. Punktum. Wie oft hört man dann: „Du hängst mal wieder nur rum.“ Ja, stimmt- in der Wahrnehmung der „Normalen“. Dass man das braucht, um Energie zu tanken, um wieder kreativ zu sein, das verstehen die wenigsten. Sind oft auch gar nicht bereit, es zu verstehen, forderte es doch den Blick über den eigenen kleinen Tellerrand hinaus.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke, Torsten, für deinen Kommentar! Ich habe diese Dinge (an mir…) ja selbst jahrzehntelang nicht verstanden. Es ist ein großer und wichtiger Schritt, wenn man für sich selbst erkennt, dass man hochsensibel ist und was das bedeutet. In der Regel werden einem solche Dinge ja in der Schule auch nicht beigebracht, da zählt nur „Leistung“ im herkömmlichen Sinne. Ich glaube, gerade im Künstlerischen häufen sich Hochsensible. Was ja auch nicht verwundert. So gesehen bin ich jedenfalls auch dankbar für meine Gabe und Prägung – egal, ob es andere nun immer verstehen oder nicht.

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  3. …dazu die Wertung deines Umfeldes zum Stichwort „Hochsensibel“. Leider hat mich das lange auch als Manko oder Stigma begleitet, ohne es auch als Begabung zu verstehen.
    Es hat lange gedauert die Sehnsucht nach dem „Blick über den Tellerrand“ als etwas Positives zu erkennen.
    Auf jeden Fall hat mich der Beitrag, als auch der Kommentar von Torsten sehr reflektiert und bestätigt.

    Gefällt 1 Person

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