Wie ich eine Künstlerin wurde (Teil 1)

(ENGLISH TEXT BELOW: HOW I BECAME AN ARTIST (PART 1) ) Ich kenne viele Künstler_innen, die in ihre Biografien schreiben, dass sie schon mit 5 Jahren die Malstifte nicht mehr aus der Hand legen konnten. Dazu gehöre ich nicht. Jedenfalls habe ich keine derartigen Erinnerungen. Manchmal bleiben ja auch gerade die Erinnerungen, die von den Erwachsenen immer wieder bestärkt wurden. Zum Beispiel: „Du hast schon mit 5 Jahren ganz tolle Bilder gemalt, die wir alle immer an die Wohnzimmerwand gehängt haben!“ Solche Sätze habe ich nicht gehört, also nehme ich an, dass es auch keinen Anlass dazu gab. Ich komme insgesamt auch aus keiner kunstaffinen Familie. Es war zwar eine Menge Kreativität vorhanden, aber KUNST war etwas sehr Fernes und Intellektuelles, das mit uns nichts zu tun hatte. Da half es auch nicht, dass meine Werke zu Schulzeiten im Kunstunterricht durchgehend sehr gelobt wurden. Die guten Noten in Deutsch und Latein waren eben wichtiger. Privat wurde bei mir immerhin in eine musikalische Ausbildung investiert. Ich lernte Akkordeon zu spielen und entwickelte auch eine gewisse Verbundenheit zu dem Instrument, aber es fiel mir nicht zu, ich musste viel üben und wahre Leidenschaft wurde es nie – auch wenn ich heute noch immer ab und an die Quetschkommode auspacke und ein Stündchen darauf spiele. Heute würde man sagen: Das Kind hat keine individuelle Förderung der vorhandenen Talente erfahren. Ich bin ja selbst nicht mal auf die Idee gekommen, dass Kunst etwas mit mir zu tun haben könnte. KUNST war für mich lange Zeit eine unverständliche und langweilige Disziplin. Ich assoziierte sie in erster Linie mit dunklen Gemälden alter Meister oder düsteren von Käthe Kollwitz oder unverständlichen von Joan Miró oder merkwürdig gemalten von René Magritte oder politisch für mich unverständlichen (Politik und Geschichte waren nicht wirklich meine Glanzfächer) von Picasso. Eben alles, was man so in den 80er Jahren in Schulbüchern so sah.

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Salvador Dalí „Schwäne spiegeln Elefanten wider“ (1937)

Tatsächlich jedoch war es ein Schulbuch, das in mir den ersten Funken weckte: Etwa in der 8. Klasse entdeckte ich beim Durchblättern meines Deutschbuches das Bild Schwäne spiegeln Elefanten wider von Salvador Dalí. Es übte eine ungeheure Faszination auf mich aus. Das Gefühl war so stark und es blieb dabei, so dass ich schließlich meine erste kriminelle Handlung beging: Bevor ich das Buch am Schuljahresende wieder abgeben musste, riss ich die Seite mit dem Bild heraus. Ich bewahrte es danach für viele Jahre zusammen an einem Ort mit anderen Dingen, die mir viel bedeuteten, auf und schaute es regelmäßig an. Ja, ich habe diese Seite tatsächlich heute noch! Einerseits war ich tief beeindruckt von der künstlerischen Qualität des Bildes. Andererseits entführte es mich beim Betrachten mental und emotional immer in eine andere, faszinierende Welt. In den Jahren danach entstand in mir der Gedanke, dass ich mich durch Malen vielleicht selbst in eine andere, von mir geschaffene Welt versetzen könnte. Bezeichnend ist übrigens, dass das erste von mir als eigenes Kunstwerk außerhalb des Schulunterrichtes geschaffene und bis heute aufbewahrte Bild bereits ein Portät ist: 1983, ich war 14 Jahre alt, malte ich mit meinem Pelikan Wasserfarbkasten mein Idol Rod Stewart von einem BRAVO-Poster ab.

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Es entstanden danach vielleicht noch zwei oder drei weitere Porträts, aber ich verfolgte diesen Strang zunächst nicht wirklich weiter. In den darauffolgenden Jahren kaufte ich mir Pastellkreide und kreiierte stattdessen symbolische Bildkompositionen, die mein damaliges philosophisches Weltbild zum Thema hatten. Ich war damals Teil einer Rasta-Clique, wir hörten ohne Ende Reggae und beschäftigen uns inhaltlich viel mit Bob Marley und Haile Selassie. Ein paar dieser Bilder fand ich ganz gelungen (leider habe ich sie nicht mehr), aber mir gingen bald die Ideen aus und auch das Entfliehen in eine andere Welt allein durch Kunst (wobei ich das damals noch immer und noch lange nicht als KUNST betrachtete) erreichte ich nicht im angestrebten Maß. Ich war zudem nicht wirklich mit meiner künstlerischen Qualität zufrieden, einen gewissen Anspruch hatte ich immerhin bereits.  Jedenfalls verlor ich irgendwann wieder das Interesse. Ich glaube, mein vorerst letztes Bild – wieder ein Porträt! – malte ich 1991 oder 1992 nach einer Indienreise und dann erst wieder 2004! 2004 kaufte ich mir aus innerem Impuls heraus Pinsel, Acrylfarben und eine Leinwand und habe seitdem die Pinsel nicht mehr aus der Hand gelegt. Ich wurde plötzlich erfasst von einer unsäglichen Leidenschaft und einem enormen Drang, mich künstlerisch auszudrücken. Meine Künstlerinnenkarriere war geboren. Wie ist es dazu gekommen? Was ist in den gut zehn Jahren dazwischen passiert?                                              >> HIER GEHT ES ZU TEIL 2

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HOW I BECAME AN ARTIST (PART 1): I know many artists who write in their autobiographies that they were extremely passionate about their colored pens already at the age of five. I am not one of them. At least I don’t recall anything like that. Sometimes we especially remember what was repeatedly stressed by the adults surrounding us. For instance, they might say, „You already created beautiful paintings when you were five only and we would hang them all up on the living room walls.“ I have never heard anything like that so I assume I didn’t give the adults any grounds to tell me so. On the whole, my familiy didn’t have a high affinity towards ART. There was a lot of creativity around, but ART we considered too intellectual and it didn’t play a role in our lives. As a consequence, it didn’t matter much that already at school I usually received a lot of praise in art class. What mattered instead were my grades in German and Latin. However, my family invested in my music education and paid for weekly accordion lessons. I developed a certain attachment to the instrument and learned to play it quite well, but I had to practise hard, it didn’t just come naturally. And it never became real passion – even though I still play for an hour every once in a while. Nowadays, a modern educator would say: she has not received any special support for her individual skills and talents. Not even I had ever the slightest idea myself that art could have anything to do with me. To me ART for a long time continued to be a bizarre conglomeration of dark paintings by the old masters, gloomy ones by Käthe Kollwitz, incomprehensible ones by Joan Miró, weird ones by René Magritte, or politically unreadable ones (both politics and history were not among my favorite subjects then) by Picasso. Basically everything you could find in your textbooks from school in the 80s.

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Salvador Dalí „Schwäne spiegeln Elefanten wider“ (1937)

But then it turned out to be my textbook for German class in maybe 8th grade which happened to arouse my first interest in ART: upon flicking through its pages, I suddenly paused when I saw Swans Mirror Elephants by Salvador Dalí. I was mesmerized immediately. The sentiment stayed with me and was so strong that I had to commit my first criminal act: before handing in the textbook at the end of the school year, I ripped out the aforementioned page and afterwards kept it in a place with other beloved items for many years. In fact, I still have that page! On the one hand, I was immensely impressed by the artistic quality of the painting. On the other hand, when looking at it, I felt whisked away mentally and emotionally into another fascinating world. In the years to follow, I was contemplating the idea that by the act of painting somehow I might be able to escape into another world created by myself. Today I find it interesting that my first artwork made outside of art class was already a portrait: 1983, when I was 14, I took a poster of my idol Rod Stewart  from the youth magazine BRAVO as a reference photo and painted him with my Pelikan watercolor case from school.

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I think I painted or drew two or three more portraits, but generally I discontinued this path after that. In the following years, I got myself some pastells instead and created colorful compositions with a highly symbolic meaning in order to express my philosophical world view of that time. I used to hang out with several Rastafarians then, we would listen to Reaggae all day and discuss Bob Marley and Haile Selassie. I liked my paintings (unfortunately I don’t have them anymore), but I was soon lacking more good ideas, and escaping into another world simply by art (though I was still far away from considering making ART) did not happen the way I wished. Plus, I wasn’t really happy with the quality I produced, so I can tell I had a certain imaginative standards already. So I kept loosing my interest in painting eventually. I believe my last painting of that period – again a portrait! – I painted in 1991 or 1992 after a trip to India. And the next one only in 2004! 2004 I suddenly felt a strong impulse to buy myself acrylics, brushes & a canvas. And since then I have not let go anymore of my brushes at all. Out of the blue, I was seized by an enormous passion and insatiable urge to express myself artistically. My artist self was born. How did that happen? And what happened in the 10 years in between? >> PLEASE CONTINUE READING PART 2 HERE

8 Kommentare

  1. Also, irgendwie erkenne ich mich da auch ein bisschen wieder! Nur, ich war in der Schulzeit, bis zum 16. Lebensjahr Leistungssportlerin im Leichtathletik. Danach auch immer sportlich aktiv!

    Ich bin schon sehr gespannt wie’s bei Dir weiter geht! Vor allem wie Du zur professionellen freischaffenden Künstlerin wurdest. Es ist ja auch ein großes finanzielles Risiko, wenn man z.B. keinen Partner an seiner Seite hat, der Durststrecken abfedern kann! Viele freischaffenden Künstlerinnen und Künstler erwähnen dies in ihrer Biografie oft nicht, dass sie ohne die Hilfe ihrer Partner oder Partnerinnen oder Familien, diesen Sprung garnicht oder zumindest sehr schwer geschafft hätten. Natürlich ist aller Anfang schwer, dass weiß ich aus meiner vergangenen Selbstständigkeit und durch meine Erkrankung MS hat sich dann sowieso alles verändert!

    So, hier geht es aber um Dich und Dein Rod Steward Portrait hat ja da schon gezeigt, dass da was ganz tolles in Dir schlummert! Es musste nur geweckt und geschliffen werden, sozusagen!😉😊

    Aufjedenfall ist es toll was Du daraus gemacht hast, wenn ich Deine Arbeiten betrachte!👏👌

    Nun warte ich Teil 2 ab und freue mich schon darauf!

    Lg Babsi

    Gefällt 1 Person

    1. Danke, Babsi, für deinen positiven und offenen Kommentar! Und, nein, es geht hier nicht nur um mich: Natürlich schreibe ich erst mal über mich, denn da habe ich am meisten Ahnung von 😉 Aber ich suche auch ganz bewusst den Dialog, den Austausch, das Netzwerk – und ich finde es schön, wenn meine persönlichen Geschichten andere ansprechen und so zu einem Dialog mit mir finden. Was das finanzielle „Backup“ betrifft, da muss ich dir recht geben, das ist ein wichtiger Aspekt. Ich werde dazu später mehr schreiben. Ich merke schon, ich hatte ursrpünglich nur zwei Teile meiner Künstlerinnen-Biografie geplant, aber mir dünkt, dass da noch mehr lauert, das gesagt bzw. geschrieben werden sollte….

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